Auf den Punkt gebracht: Die neue EKD-Studie “Vielfalt und Gemeinsinn”

Auf den Punkt gebracht: Die neue EKD-Studie “Vielfalt und Gemeinsinn”

Die Gegenwart ist geprägt von Pluralisierung und Individualisierung. Vor diesem Hintergrund, so betont die Evangelischen Kirche Deutschland (EKD) in ihrer vor kurzem veröffentlichten Studie “Vielfalt und Gemeinsinn”, ist es eine zentrale Herausforderung für Kirche und Gesellschaft, Vielfalt und Gemeinsinn in Balance zu bringen. Der Grundlagentext erläutert, welchen Beitrag die evangelische Kirche dazu leisten kann, und sieht Potenzial dazu im Gottesdienst. Auch Bildungshandeln, die Diakonie und der Einsatz der Kirche für Gerechtigkeit und Frieden werden als Bereiche beschrieben, in denen entsprechende Haltungen des Gemeinsinns vermittelt und eingeübt werden können.  


Ein Kommentar zur Studie von Prof. Dr. Hans Jürgen Luibl (Theologisch-inhaltlich strategische Leitung der AEEB)

Kaum eine Frage ist derzeit dringlicher als jene nach dem Zusammenhalt von Gesellschaft, Familie, Beziehungen. Dringlich, weil die Differenzen an Kraft und Dynamik gewonnen haben, schon vor Corona, aber verstärkt mit Corona: social distancing war eine Notwehr gegen die Seuche und wurde selber zur gesellschaftlichen Seuche. Viele haben sich bereits verabschiedet von einem verbindenden Wir, einem verbindlichen Miteinander und suchen ihr Heil in eigenen Interessen und Identitäten. Dem stellt der Glaube sich entgegen und sucht in aller Ausdifferenzierung nach Gemeinwohl und Gemeinsinn, nach einem Schutzraum für alle. Dies greift die Studie der EKD „Vielfalt und Gemeinsinn. Der Beitrag der evangelischen Kirche zu Freiheit und gesellschaftlichem Zusammenhalt“ auf – und sucht nach den christlichen Ressourcen für neuen gesellschaftlichen Zusammenhalt.

In einem ersten Teil der Studie werden die christlichen Grundlagen für die Arbeit am gesellschaftlichen Zusammenhalt skizziert – prinzipiell richtig, die Wortwahl, hier von Kernbeständen zu sprechen, klingt eher nach eiserner Ration und Minimalkonsens. Dabei käme es eher darauf an, die Ressourcen, Erfahrungen und Motivationen zu beschreiben auf dem Weg zu einem gelingenden Miteinander. Der zweite Teil nennt dann Praxisfelder der Vermittlung evangelischer Ressourcen des Gemeinsinns. Drei Handlungsfelder werden benannt: zuerst Bildung, dann Diakonie und die Friedensarbeit. Das lässt aufmerken, denn selten wird Bildung so prominent als Transformationsprozess von Glauben in Gesellschaft beschrieben. Die Zeit der Krise scheint hier die Aufmerksamkeit für die Notwendigkeit von Bildung geschärft zu haben. Noch spannender wird es, wenn hier Bildung gerade nicht als Allheilmittel dargestellt wird, sondern als ambivalentes Phänomen: Bildung kann durchaus ein Instrument sein, Identitäten und Eigeninteressen zu legitimieren und zu optimieren – und gerade der bildungsbürgerliche Protestantismus ist davon nicht frei. Bildung – und gerade auch hier: evangelische Bildung – ist aber auch herausgefordert und in der Lage, diese eigene Gefährdung und Begrenzung kritisch zu reflektieren und Bildungshandeln zu öffnen für ein größeres Ganzes. In diesem Zusammenhang wird auch die Arbeit von evangelischen Akademien und gemeindebezogener Erwachsenenbildung genannt (S 64). Dass exemplarisch dann der Religionsunterricht und die Konfirmand*innenarbeit dargestellt werden, mag dem Blick der EKD auf die institutionalisierte Bildung geschuldet sein; dass diese Darstellung dann aber eher legitimierend statt im genannten Sinn bildungskritisch geschieht, verkürzt die Potentiale der Studie.

Buchtitel: “Vielfalt und Gemeinsinn – Der Beitrag der evangelischen Kirche zu Freiheit und gesellschaftlichem Zusammenhalt”
Erschienen: 2021 bei Evangelische Verlagsanstalt GmbH, Leipzig
ISBN 978-3-374-07009-1
Preis: 8,00 Euro

Einen Link zur EKD Studie “Vielfalt und Gemeinsinn – Die EKD über den Beitrag der evangelischen Kirche zu Freiheit und gesellschaftlichem Zusammenhalt” finden Sie hier


Foto:
EKD

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