Ethik: (K)eine Brücke zwischen dem Sein und Sollen

Ethik: (K)eine Brücke zwischen dem Sein und Sollen – ein Bericht von KR Prof. Dr. Thomas Zeilinger (ELKB Beauftragter für Ethik im Dialog mit Technologie und Naturwissenschaft

„Erörtern Sie, ob es moralisch legitim ist, von einem so genannten Schwarzfahrer in öffentlichen Verkehrsmitteln ein erhöhtes Beförderungsgeld zu verlangen!“ – Mit dieser exemplarischen Abituraufgabe im Fach Ethik hat Frank-Markus Barwasser alias Erwin Pelzig vor fast zwanzig Jahren seine CD „P.I.S.A. – Pelzig in Sachen Abitur“ eröffnet. Das Gespräch der drei Protagonisten Erwin Pelzig, Hartmut und Dr. Göbel erfüllt natürlich keinerlei PISA-Erwartungen an schulische Bildung – und bietet erst recht keine Programmatik für die Ethik in der Erwachsenenbildung. Umso mehr entlarvt die Komik des Kabarettisten einige Probleme des „Faches“ Ethik. „Was ist denn eigentlich Ethik?“ – auf diese Frage gibt Pelzig eine zunächst eigenartige Antwort: „Ethik ist wie Religion ohne Weihnachten. Also, wenn einer nicht an Gott glaubt, aber trotzdem glaubt, dass er was glaubt, dann ist er ethisch.“

Ein Bericht von KR Prof. Dr. Thomas Zeilinger (Beauftragter für Ethik im Dialog mit Technologie und Naturwissenschaft” der ELKB, Professor am Lehrstuhl für Christliche Publizistik der Universität Erlangen)

Ratgeberspalten in Magazinen beschäftigen sich mit ethischen Themen, es gibt kaum ein gesellschaftliches Problem, bei dem nicht eine ethische Reflexion gefordert wird. Ethik-Komitees in Sport und Medizin, Ethik-Räte in Politik und Medien sind allgegenwärtig in diesen Tagen. Ethik wird für eine höchst wichtige Angelegenheit gehalten. „Irgendwie“ hat sie mit Überzeugungen und Gewissheiten zu tun hat und – jedenfalls im Bereich der evangelischen Erwachsenenbildung – „irgendwie“ auch mit dem Glauben, „irgendwie“ aber auch nicht.

Was also ist eigentlich Ethik? – Spätestens seit Immanuel Kant ist die Ethik auf das Engste mit der Frage verknüpft: „Was sollen wir tun?“ Auf das Handeln gerichtet fragt die Ethik nach dem, was sein soll und wie sich dies begründen lässt. Kant selbst hat dazu in seinem „kategorischen Imperativ“ ein steiles Prinzip für das menschliche Handeln formuliert: „Handle stets so, dass die Maxime Deines Handelns zur Grundlage einer allgemeinen Gesetzgebung werden könnte“. In diesem Zusammenhang wird dann auch das Schwarzfahren schnell zu einer „Grundfrage philosophischer Ethik“, wie es ironisch bei Erwin Pelzig heißt.

Meiner Erfahrung nach erwarten Menschen zunächst oft, dass sie auf ein Defizit angesprochen werden, wenn sie das Wort „Ethik“ hören. Ethik begegnet ihnen als moralischer Appell, der im Grunde dauernd in Spannung zur Realität steht: „Im wirklichen Leben geht’s doch ganz anders zu!“ Schnell gerät das Ethische so in die Nähe des Weltfremden, das auf dem Boden der Tatsachen nicht Recht Heimat findet. Es hat dann in Unternehmensleitbildern und Sonntagspredigten seinen Platz, aber wie soll es bloß in den Alltag umgesetzt werden? – So weit, so ernüchternd kann der Blick auf die Ethik ausfallen, wenn wir sie nur von der Seite des Sollens betrachten.

Es gibt noch einen anderen Blick auf die Ethik. Er haftet am griechischen Ursprung des Wortes. Dort steht das Wörtchen Ethos, das sich mit Wohnung oder Heimat übersetzen lässt. Im Ethos einer Person kommt die Quintessenz dessen zum Ausdruck, was diese Person prägt, worin sie verwurzelt ist, in welchen Überzeugungen ihr Sein und Handeln gründet, worauf sie vertraut, wofür sie einsteht, woran sie sich orientiert und wo sie ihre geistige Heimat hat. Die Frage nach meiner Ethik ist also stets auch die Frage: „Wer bin ich? – Wie richte ich mich in meinem Leben ein, in welchen Gewohnheiten bin ich zuhause und will ich zuhause sein?“ Erwin Pelzigs Karikatur trifft ins Herz der Ethik: Ethik hat es stets (auch) mit eigenen Überzeugungen und insofern mit „Glaubensdingen“ zu tun. Dabei handelt es sich mitnichten um eine bloß individuelle Angelegenheit. Denn auch gemeinsam gilt: „Wer wollen wir sein?“ – Wie sich eine Gesellschaft gemeinsam ein- und ausrichtet, an welchen Überzeugungen sie sich orientiert, verrät, wes Geistes Kind sie ist.

Die Frage nach den zugrundeliegenden Überzeugungen wird heute in einer pluralen und weltanschaulich offenen Gesellschaft sowohl mit, als auch ohne Religion verhandelt. Insofern ist die Ethik zu einem wichtigen Brückenbegriff zwischen den „religiös Musikalischen“ und den „religiös Unmusikalischen“ (nach Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas) geworden. In ethischen Fragen wird gemeinsame Orientierung gesucht und gefunden. In einer ausdifferenzierten Gesellschaft passiert das notwendig in einer Vielzahl von ethischen Disziplinen, von der Bioethik bis zur Technikethik.

Aber wie das so ist mit Brücken: Sie haben nur eine begrenzte Tragkraft, wenn man ihnen zu viel auflastet, brechen sie zusammen. So wichtig die Ethik in einer ausdifferenzierten Gesellschaft und in der (Erwachsenen-)Bildung also ist, so problematisch wird es, wenn man der Ethik die Lösung aller Fragen aufbürdet und sich von ihr gleich noch einen gesellschaftlichen Zusammenhalt erwartet, der andernorts gestiftet werden muss.

In diesem Sinne steht am Ende dieser Überlegungen der Satz, mit dem Erwin Pelzig seine Betrachtung des Faches Ethik schließt: „Ich hab ja auch nur Religion g‘habt!

Einen Link zur CD “P.I.S.A. – Pelzig in Sachen Abitur” finden Sie hier

Foto: Tumisi auf pixabay

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